Entscheidungen treffen in der Selbstständigkeit
Warum Aufschieben oft anstrengender ist als falsch zu entscheiden.
Wir treffen jeden Tag tausende Entscheidungen. Die meisten davon laufen automatisch ab, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Doch ein kleiner Teil dieser Entscheidungen hat echtes Gewicht – besonders dann, wenn Selbstständigkeit, Familie und Beziehung gleichzeitig Raum einnehmen. Plötzlich geht es nicht mehr um Kleinigkeiten, sondern um Fragen mit Konsequenzen: finanziell, emotional und strategisch.
Dieser Artikel ist kein Plädoyer für perfekte Entscheidungen. Sondern eine Einladung, Entscheidungen als etwas zu begreifen, das man aktiv gestalten kann – statt sie aus Angst oder Überforderung vor sich herzuschieben.
Das Thema besprechen wir ausführlich in Couple & Company – Episode 44: Entscheidungen und Bauchgefühl
Warum Entscheidungen so viel Energie kosten
Entscheidungen sind nicht nur ein organisatorisches Thema, sie sind vor allem ein energetisches. Jede bewusste Entscheidung verbraucht mentale Ressourcen. Je mehr davon im Laufe eines Tages anfallen, desto schwerer wird es, klare Urteile zu fällen – und desto größer wird der Wunsch, Entscheidungen einfach zu vermeiden.
Das zeigt sich im Alltag sehr deutlich. Abends, nach einem langen Tag voller kleiner und großer Abwägungen, fühlt sich selbst die Frage „Was essen wir heute?“ plötzlich anstrengend an. Nicht, weil sie kompliziert wäre, sondern weil die Entscheidungskraft schlicht erschöpft ist.
In der Psychologie wird dieses Phänomen als Decision Fatigue beschrieben. Eine vielzitierte Studie mit israelischen Richtern zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit für positive Bewährungsentscheidungen morgens deutlich höher war als kurz vor der Mittagspause – und nach einer Pause wieder anstieg. Gleiche Menschen, gleiche Fälle, andere Entscheidungen.
Übertragen auf den Alltag heißt das: Wenn selbst Menschen mit hoher Verantwortung davon betroffen sind, sollten wir nicht erwarten, am Ende eines Tages besonders souveräne Business-Entscheidungen zu treffen.
Kopf oder Bauch – und warum beides allein nicht reicht
Menschen treffen Entscheidungen unterschiedlich. Manche verlassen sich stark auf ihr Bauchgefühl, andere brauchen Zahlen, Szenarien und eine solide Datenbasis. Beides ist sinnvoll – und beides kann problematisch werden, wenn es allein dominiert.
In unserem Alltag zeigt sich das sehr konkret. Bei Business-Entscheidungen taucht schnell eine Excel-Tabelle auf. Nicht aus Kontrollzwang, sondern um Klarheit zu schaffen: Was kostet das wirklich? Was passiert, wenn weniger Leute buchen? Wo liegen die Risiken?
Gleichzeitig haben wir erlebt, dass manche Entscheidungen gerade gegen die reine Kalkulation richtig waren. Ein gutes Beispiel ist ein Bildbandprojekt mitten in der Pandemie. Hohe Druckkosten, unsicherer Markt, kein klassisch „vernünftiger“ Zeitpunkt. Rational sprach wenig dafür. Das Bauchgefühl sagte trotzdem: Jetzt oder nie. Am Ende ging es auf – auch, weil Vorbestellungen das Risiko abgefedert haben.
Der Kopf hilft, Risiken sichtbar zu machen. Der Bauch hilft, Chancen zu erkennen. Schwierig wird es erst dann, wenn beide sich gegenseitig blockieren und aus einem Entscheidungsprozess Stillstand wird.
Warum Aufschieben keine neutrale Option ist
Viele Entscheidungen werden nicht deshalb nicht getroffen, weil sie unwichtig wären. Sondern weil sie unangenehm sind. Sie fühlen sich endgültig an, schwer, verantwortungsvoll.
Gerade in der Selbstständigkeit gibt es keine nächste Instanz, an die man Entscheidungen weiterreichen kann. Das ist Freiheit – aber auch Druck. Und genau dieser Druck führt oft dazu, dass Entscheidungen nicht nur vertagt, sondern innerlich immer größer werden.
Das Problem dabei: Nicht getroffene Entscheidungen verschwinden nicht. Sie bleiben im Kopf, tauchen immer wieder auf und blockieren Energie. Wie offene Tabs im Browser, die langsam alles ausbremsen. Mit jeder weiteren Entscheidung, die dazukommt, wird es schwerer, überhaupt noch klar zu denken.
Manchmal ist eine unperfekte Entscheidung deshalb deutlich entlastender als monatelanges Zögern.
Der richtige Zeitpunkt verändert alles
Entscheidungen sind nicht nur eine Frage des Inhalts, sondern auch des Zeitpunkts. Wir haben für uns festgestellt, dass wichtige Entscheidungen deutlich leichter fallen, wenn wir sie bewusst auf Momente mit hoher mentaler Kapazität legen – bei uns meist der Vormittag.
Abends hingegen, wenn der Tag schon voll war, sinkt nicht nur die Qualität der Entscheidungen, sondern auch die Bereitschaft, überhaupt noch etwas festzulegen. Deshalb versuchen wir, große Themen nicht zwischen Couch und Müdigkeit zu klären, sondern gezielt zu planen.
Allein diese zeitliche Verschiebung verändert, wie schwer sich Entscheidungen anfühlen.
Warten oder vermeiden? Der feine Unterschied
Nicht jede Entscheidung muss sofort fallen. Gerade bei Investitionen oder Kaufentscheidungen kann es sinnvoll sein, Zeit verstreichen zu lassen. Oft merkt man nach ein paar Tagen, dass der Impuls verflogen ist – oder dass das Bedürfnis gar nicht so groß war.
Problematisch wird es dort, wo aus bewusstem Warten unbewusstes Vermeiden wird. Ein typisches Beispiel sind Projekte, die eigentlich fertig sind, aber nicht finalisiert werden. Daten, die nicht in Druck gehen. Produkte, die nicht live gehen. Nicht, weil sie unfertig sind, sondern weil die Angst mitschwingt, etwas zu übersehen.
In solchen Momenten hilft oft eine klare Entscheidung: Es ist jetzt gut genug. Nicht perfekt – aber bereit.
Weniger entscheiden, um besser zu entscheiden
Ein wirksamer Hebel im Alltag ist es, die Anzahl unnötiger Entscheidungen zu reduzieren. Routinen sind kein Zeichen von Einfallslosigkeit, sondern von gutem Energiemanagement.
Gleiche Kleidung, bewährte Produkte, bekannte Hotels oder feste Abläufe nehmen Druck raus. Genau deshalb funktionieren Marken so gut: Sie versprechen Verlässlichkeit und sparen jedes Mal neue Abwägungen. Gleiches gilt für Restaurants mit kleiner Karte oder klaren Strukturen.
Je weniger Energie im Alltag für Nebensächlichkeiten draufgeht, desto mehr bleibt für die wirklich wichtigen Entscheidungen.
Entscheidungen dürfen sich ändern
Nicht jede Entscheidung muss endgültig sein. Manchmal braucht es ein klares „Ja“, um zu merken, dass es sich falsch anfühlt. Das ist kein Scheitern, sondern Erkenntnis.
In vielen Fällen darf man nachjustieren, zurückrudern oder neu entscheiden. Perfektion ist kein realistisches Ziel. Bewegung schon.
Entscheiden heißt Verantwortung übernehmen – für dich selbst
Entscheidungen müssen nicht perfekt sein. Aber sie müssen getroffen werden. Denn das dauerhafte Aufschieben kostet oft mehr Energie als ein möglicher Fehler.
Wenn du gerade festhängst, frag dich:
Ist es wirklich die Entscheidung – oder der falsche Zeitpunkt?
Blockiert mich die Angst vor Verantwortung?
Kann ich diese Entscheidung vereinfachen oder teilen?
Und vielleicht die wichtigste Frage zum Schluss:
Welche Entscheidung schiebst du gerade vor dir her?
Teile deine Erfahrung:
Welche Entscheidung fällt dir gerade besonders schwer – privat oder im Business?
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In Episode 44 von Couple & Company sprechen wir offen über unsere eigenen Entscheidungsprozesse, Zweifel und Learnings.