Goodbye, Neujahrsvorsätze
Warum wir mit Yearly Themes planen – und warum das für unseren Alltag besser funktioniert
Jedes Jahr beginnt mit einem ähnlichen Grundrauschen. Neue Vorsätze, neue Routinen, neue Erwartungen. Mehr Fokus, mehr Sport, mehr Ordnung, mehr von allem. Der Jahreswechsel wird zum symbolischen Neustart – als ließe sich Komplexität einfach zurücksetzen.
Wir haben dieses Spiel lange mitgespielt. Und wir sind jedes Jahr an derselben Stelle gelandet: irgendwo zwischen guten Absichten und dem Gefühl, wieder einmal nicht konsequent genug gewesen zu sein. Irgendwann haben wir uns gefragt, ob das Problem wirklich bei uns liegt – oder beim System dahinter.
Warum klassische Neujahrsvorsätze für unseren Alltag nicht funktionieren
Neujahrsvorsätze sind meist konkret formuliert. Sie haben ein klares Ziel, oft sogar einen messbaren Endpunkt. Genau darin liegt ihr Reiz – und gleichzeitig ihr Problem.
Unser Alltag ist nicht stabil genug für starre Zielsysteme. Selbstständigkeit, Familie, unvorhersehbare Termine, wechselnde Energielevel: All das lässt sich nicht sauber in Jahrespläne pressen. Vorsätze setzen stillschweigend voraus, dass das Leben linear verläuft. Tut es aber nicht.
Was oft als mangelnde Disziplin interpretiert wird, ist in Wahrheit ein Konflikt zwischen Anspruch und Realität. Vorsätze scheitern nicht, weil Menschen zu inkonsequent sind, sondern weil sie Komplexität ignorieren – oder schlicht nicht mitdenken.
Ziele geben einen Endpunkt – aber kein gutes Jahr
Ziele sind nicht per se falsch. Sie sind sinnvoll in Projekten, in klar umrissenen Vorhaben, in überschaubaren Zeiträumen. Sie helfen, Dinge voranzubringen und Fortschritt messbar zu machen. Problematisch wird es dort, wo dieses Denken auf Zeiträume übertragen wird, die sich nicht wie Projekte verhalten.
Ein ganzes Jahr ist kein Projekt. Es ist ein Kontext. Es lässt sich nicht in Meilensteine zerlegen, ohne dabei die Realität auszublenden, in der es stattfindet.
Ein Jahr besteht aus Phasen: aus Hochs und Tiefs, aus Fokus und Überforderung, aus Momenten, in denen Dinge leichtgehen – und solchen, in denen Stillstand notwendig ist. Klassische Zielsysteme kennen dafür wenig Toleranz. Sie bewerten Abweichung schnell als Scheitern, obwohl sie oft schlicht Ausdruck von Anpassung ist.
Je länger wir versucht haben, ein Jahr wie ein Projekt zu behandeln, desto deutlicher wurde dieser Widerspruch. An genau diesem Punkt sind wir auf ein anderes Konzept gestoßen. Eines, das nicht versucht, ein Jahr zu kontrollieren, sondern ihm eine Richtung zu geben.
Yearly Themes – ein anderes Verständnis von Planung
Auf das Konzept der Yearly Themes bin ich (Thomas) über den Podcast Cortex gestoßen, den Myke Hurley gemeinsam mit CGP Grey macht. Seit 2019 plane ich meine Jahre auf diese Weise – nicht als starres System, sondern als bewusst gewählten Rahmen.
Die Grundidee ist erstaunlich simpel: Statt sich für ein Jahr konkrete Ziele zu setzen, definiert man ein übergeordnetes Thema. Kein messbares Ergebnis, kein „Am Ende des Jahres muss X erreicht sein“. Sondern ein Leitmotiv, das Entscheidungen lenkt.
Um das greifbarer zu machen, helfen Beispiele aus Cortex selbst. CGP Grey spricht dort etwa von Jahren mit Themes wie „Maintenance“ oder „Stability“ – bewusst unspektakuläre Begriffe. In diesen Jahren ging es nicht darum, Neues zu starten oder Fortschritt zu maximieren, sondern Bestehendes zu pflegen, Systeme am Laufen zu halten und Überforderung zu vermeiden. Erfolg wurde nicht an Wachstum gemessen, sondern daran, ob Dinge stabil geblieben sind.
Myke Hurley beschreibt in anderen Jahren Themes wie „Systems“ oder „Focus“. Auch hier geht es nicht um konkrete Ziele, sondern um eine Haltung: Entscheidungen werden danach bewertet, ob sie Prozesse verbessern, Reibung reduzieren oder Aufmerksamkeit bündeln. Ein Theme wird so zu einem Filter für Alltagsentscheidungen – nicht zu einer To-do-Liste.
Ein Yearly Theme ist damit kein Vorhaben, sondern eine Perspektive. Es fragt nicht: Was will ich erreichen? Sondern: Wie will ich durch dieses Jahr gehen?
Was zunächst abstrakt klingt, erweist sich im Alltag als erstaunlich konkret.
Warum Yearly Themes besser mit der Realität kompatibel sind
Ein gutes System muss nicht nur in guten Wochen funktionieren. Es muss auch dann tragen, wenn Pläne kippen, Energie fehlt oder neue Anforderungen auftauchen. Genau hier liegt die Stärke von Yearly Themes.
Ein Theme erlaubt Anpassung, ohne dass sie sich wie ein Scheitern anfühlt. Es ist stabil genug, um Orientierung zu geben, aber offen genug, um Veränderung auszuhalten. Wenn sich Prioritäten verschieben, bleibt das Theme bestehen – es wird nicht „verfehlt“.
Für uns war das ein entscheidender Perspektivwechsel. Planung bedeutete plötzlich nicht mehr, alles im Voraus wissen zu müssen. Sondern im laufenden Jahr bessere Entscheidungen treffen zu können.
Unsere Übersetzung des Konzepts
Yearly Themes sind kein Dogma, sondern ein Werkzeug. Und wie bei jedem Werkzeug entscheidet der Kontext darüber, wie es sinnvoll eingesetzt wird.
Für uns funktioniert ein Theme vor allem als wiederkehrende Frage: Zahlt das, was wir gerade planen oder entscheiden, auf dieses Jahr ein? Hilft es, die Richtung zu halten – oder zieht es uns in eine andere Spur?
Wichtig ist dabei: Das Theme wird nicht zur Leistungskennzahl. Es wird nicht überprüft oder abgehakt. Es dient nicht dazu, sich selbst zu bewerten, sondern Entscheidungen zu entlasten und Klarheit in Situationen zu bringen, die sich nicht sauber planen lassen.
Was Yearly Themes nicht sind
Yearly Themes sind kein Produktivitäts-Hack. Kein Mindset-Trick. Kein Ersatz für Planung oder Verantwortung. Sie versprechen keine Optimierung und keine Abkürzung.
Sie lösen keine Probleme – aber sie helfen, mit ihnen umzugehen. Vor allem ersetzen sie nicht das Nachdenken. Im Gegenteil: Sie fordern dazu auf, bewusster zu entscheiden, statt sich an Vorsätzen festzuhalten, die irgendwann sicher an der Realität vorbeilaufen.
Unsere Themes
Unsere eigenen Themes haben sich über die Jahre entwickelt – und sie spiegeln ziemlich genau wider, in welcher Lebensphase wir uns jeweils befanden. Dass wir dieses Konzept seit 2019 nutzen, macht im Rückblick sichtbar, wie stark frühere Themes spätere geprägt haben.
In Episode 057 sprechen wir sehr konkret über unsere beiden Themes:
Thomas: Routine und Luisa: Struktur.
Mein Theme Routine ist aus dem Wunsch entstanden, im Alltag weniger Energie für Grundsatzentscheidungen zu verlieren. Nicht alles immer neu denken zu müssen, sondern verlässliche Abläufe zu schaffen – gerade in einem selbstständigen, kreativen Arbeitsalltag. Routine bedeutet hier nicht Monotonie, sondern Entlastung: Dinge bewusst so zu gestalten, dass sie laufen, auch wenn Konzentration oder Energie fehlen.
Luisas Theme Struktur knüpft daran an, geht aber in eine andere Richtung. Es geht weniger um wiederkehrende Abläufe, sondern um Ordnung im Großen: klare Zuständigkeiten, saubere Übergänge zwischen Arbeit und Familie, nachvollziehbare Systeme statt implizitem Wissen. Struktur hilft dabei, Komplexität sichtbar zu machen – und damit handhabbar.
Beide Themes stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie ergänzen sich und sind auch Ergebnis früherer Jahre, in denen andere Schwerpunkte gesetzt wurden. Genau darin liegt für uns die Stärke von Yearly Themes: Sie erlauben Entwicklung über mehrere Jahre hinweg, ohne jedes Jahr bei null zu beginnen.
Weniger Vorsätze, mehr Richtung
Wir haben aufgehört, uns Neujahrsvorsätze zu machen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Erfahrung. Yearly Themes geben uns weniger Druck – und gleichzeitig mehr Klarheit.
Sie nehmen dem Jahr nicht die Struktur, sondern die Schwere. Und sie erinnern uns daran, dass ein gutes Jahr nicht daran gemessen wird, wie viel man geschafft hat, sondern ob die Richtung gestimmt hat.
Wer das Thema vertiefen möchte: In Episode 057 unseres Podcasts Couple & Company sprechen wir ausführlicher und persönlicher über unsere Erfahrungen mit Yearly Themes und darüber, wie sich dieses Denken in unseren Alltag übersetzt hat.